2015—2022

Formen im Wasser

Ein Haus am Grunde

Ein Haus am Grunde,
tief unter Wasser.
Ein Tisch voll Krumen
nur für die Fische.
Der Blick nach unten
auf meine Hände,
Der Rand des Bootes


Ich möchte weinen,
wo geht die Zeit hin?
Überschwemmt alles,
wird unbewohnbar.
Ich möchte weinen,
ich möchte heimgehen.
Wo kann ich bleiben?
Gezeiten, Gezeiten


Im Boot, im Kasten,
in trocknen Tüchern:
Kostbare Sammlung
von Instrumenten.
Am Morgen los und
den ganzen Tag lang:
Formen im Wasser,


Ich möchte weinen,


Suche seichte Stellen und steig aus,
taste mit den Füßen auf dem Grund.
Warst Du hier schon einmal unterwegs?

Und man erzählt sich
von Meeresgeistern,
die in den Nächten
an Lande schleichen.
Suchende Augen,
mahlende Kiefer,
Fetzen von Worten


Ich möchte weinen …

Ein Haus am Grunde …

Die Truppen kamen in das Dorf

Die Truppen kamen in das Dorf, setzten Schober und Ställe in Brand und drangen ein in jedes Wohngebäude. Es war entsetzlich. Das Vieh schrie in seiner Angst und Not, doch keiner kam zu Hilfe und so verbrannte es unter Qualen. Ausgehungert, wie sie doch waren, dachten die Soldaten in ihrem Zustand nicht an Milch und Fleisch. 

Die, die nichts hatten, flohen in die nahe gelegenen Sümpfe, mit sich ziehend die weinenden, erschrockenen Kinder, nur im Hemd und ohne Schuhe, die klagenden Alten, die aus dem Bett gerissen worden waren und auch allesamt weinten und nichts begriffen. Viele andere, wohlhabende Bauern und Handwerker, wurden von den einfallenden Soldaten dabei überrascht, wie sie ihren Besitz aus dem wohlgehüteten Versteck bargen. Man führte sie auf den kleinen Festplatz und unter dem Maibaum fanden sie ihr Ende. 

An diesem Tag war ich eins der Kinder, einer der reichen Bauern und einer der Soldaten. Ich habe geweint und meine Mutter verloren, erst im nächsten Morgengrauen fand ich sie wieder. Aber da lag ich bereits mit den anderen unter dem Maibaum, auf der von Blut schwarzen Erde und den Blick starr zum Himmel gerichtet. Über mich gebeugt stand noch einmal ich selbst, den kurzen, leichten Dolch noch immer in der Hand bewegend. Uns war befohlen worden, Kugeln zu sparen und so hatten wir sie alle mit dem Messer niedergerungen.

Auf Wolke

Auf Wolken

So riecht mein Körper,
so fühlt er sich an.
Das ist die Hand
und das da ist der Arm.
Alles ist richtig und wirklich an mir,
nur der Kopf ist woanders und hat sich verirrt.

So fühlt mein Bauch sich an,
Schultern und Brust.
Das ist ein Bein,
das ein Knie, das ein Fuß.
Und dann nochmal ein Bein, und der Boden ist hart.
Nur der Kopf geht auf Wolken durch ein Niemandsland.

Zwischen Engeln und Göttern und Teufelsgewürm,
zwischen Fürsten und Königen, die hier regiern,
geh ich wie ein Gesandter meines eigenen Lands,
der den Auftrag vergessen hat, mit dem er kam,

auf Wolken.

Das ist ein Atemzug,
das ist ein Schluck.
So greift die Hand um das Glas,
mit dem Druck.
Das ist der Tisch und der Stuhl und der Raum,
wo ich bin und nicht bin, wo ich schau und nicht schau.

Das ist Dein Mund und
Dein Lächeln, Dein Blick.
Deine Worte, Dein Ton und
die Art, wie Du trinkst
und dann absetzt und fragst,
wie’s mir geht, ob was ist,
und ich bin in Versuchung, zu sagen, Nein nichts.

Sind nur Wolken.

Weil die Tiere und Könige kannst Du nicht sehn
und was sie zu mir sprechen, wohin sie mich führn.
Was sie bitten und fordern und flüstern und gröln,
was es macht mit mir, wie’s um mich wirbelt und stöhnt.

Diese Wolken:
Urplötzlicher Sturm.
Diese Wolken:
Der Himmel kippt um
und die Wolken
werden gieriges Meer
und ich schwimme
in den Wogen,

in den Wolken.

So riecht mein Körper,
so fühlt er sich an.
Das Holz dieses Tisches am
Bauch und am Arm.
Alles ist wirklich und deutlich zu spürn.
Mach die Augen weit auf
und ich bin wieder hier.

Eine Krise der Alchemie

Lange habe ich nach dem Schlüssel gesucht, der mich sehen lässt, was auf dem Grunde der Welt eingeschrieben steht. In meinem Herzen trug ich dabei stets die Worte meines eigenen Meisters: „Aus Stofflichem werde Zeichen, aus Zeichen Körper. Stein löse sich in Rauch auf und Luft härte aus zu Glas. Seelen mögen verwandelt und erhöht werden durch die geheimnisvolle Kraft der Alchemie.“ So habe ich all die Jahre gelebt und gearbeitet.
Aber nun erlebe ich eine Krise der Alchemie, tiefer und schmerzvoller als alle bisherigen. Ich habe mein Maß erschöpft – ich kann nicht fortsetzen, was ich begann. Dieses Buch ist mein Vermächtnis an Dich, Adept dieser Kunst. Für Dich, der Du Dich bald erheben magst, werde ich nicht mehr sein als ein Teil von Teilen. Jene rätselhaften Ströme, deren Bewegungen und Wirkungen Du untersuchst, werden mich mit sich tragen. Am Ende Deiner Suche, wenn Du den Grund allen Seins berührst, …